Die
Rosenkreuzer-Weltanschauung

von Max Heindel




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Der zweite Himmel

   Endlich tritt der Mensch, der dreifache Geist, das Ego, in den zweiten Himmel ein. Er ist mit der Hülle des Intellekts bekleidet, der die drei Keimatome enthält, die Quintessenz der drei verlassenen Träger.

   Wenn der Mensch stirbt und seinen dichten Körper und Lebensleib verliert, ist er in demselben Zustand wie beim Einschlafen. Der Empfindungsleib hat, wie bereits erwähnt, keine gebrauchsfertigen Organe. Er macht jetzt die Um- formung von seiner Eiförmigkeit in ein Gebilde durch, das dem verlassenen dichten Körper ähnelt. Wir werden leicht verstehen, daß da ein Zwischenzustand der Unbewußtheit vorhergehen muß, ähnlich dem des Schlafes, ehe der Mensch in der Empfindungswelt wiedererwacht. Es kommt oft vor, daß solche Menschen sich lange Zeit dessen nicht bewußt sind, was mit ihnen geschah. Sie sind sich nicht klar darüber, daß sie gestorben sind. Sie wissen, daß sie fähig sind, sich zu bewegen und zu denken, und es kostet manchmal viel Anstrengung, ihnen begreiflich zu machen, daß sie wirklich "tot" sind. Sie merken, daß sich etwas verändert hat, aber sie verstehen nicht, was es ist.

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   Anders beim Übergang vom ersten Himmel - der in der Empfindungswelt ist - zum zweiten Himmel, der sich in der Region der konkreten Gedanken befindet. Hier verläßt der Mensch seinen Empfindungsleib. Er ist vollständig bewußt und geht in eine große Stille hinüber. Für den Augenblick scheint alles zu schwinden. Er kann nicht denken. Keine Fähigkeit lebt und doch weiß er, daß er ist. Er hat das Ge- fühl, "in der großen Unendlichkeit" zu stehen, vollständig allein zu sein und sich dennoch nicht zu fürchten. Und seine Seele wird von einem wunderbaren Frieden erfüllt, "der über alles Verstehen geht".

   Die okkulte Wissenschaft nennt diesen Zustand "die große Stille". Dann kommt das Erwachen. Der Geist ist nun im Himmel, in seiner Heimatwelt. Hier bringt das erste Er- wachen dem Geist den Klang der "Musik der Sphären". In unserem Erdenleben sind wir von den kleinen Geräuschen und Klängen unserer beschränkten Umgebung so betäubt, daß wir die Musik der kreisenden Planeten nicht vernehmen. Aber der okkulte Wissenschaftler hört sie. Er weiß, daß die zwölf Tierkreiszeichen und die sieben Planeten den Reso- nanzboden und die Saiten von "Apollos siebensaitiger Leier" bilden. Er weiß, daß ein einziger falscher Akkord als Störer in der himmlischen Harmonie dieses grandiosen Instruments "den Zusammenbruch der Materie und den Zusammensturz des Weltalls" zur Folge hätte.

   Die Kraft der rhythmischen Schwingungen ist selbst denen sicher bekannt, die diesem Thema auch nur ein geringes Stu- dium widmeten. Wenn z.B. Soldaten über eine Brücke marschieren, so erhalten sie den Befehl, im unregelmäßigen Schritt zu gehen, weil ihr rhythmischer Tritt die stärksten Konstruktionen erschüttern würde.

   Für den Okkultisten ist die in der Bibel erzählte Geschichte vom Blasen der Widderhörner beim Umschreiten der Mauern von Jericho kein Unsinn. Oft sind ähnliche Dinge geschehen, ohne daß die Welt ungläubig und überlegen dazu gelächelt hätte. Vor einigen Jahren übte eine Musikkapelle in einem

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Garten, der an den festen Mauern eines alten Schlosses gelegen war. An einer bestimmten Stelle des Musikstücks befand sich ein sehr langer und durchdringender Ton. Als er ertönte, stürzte die Schloßmauer plötzlich ein. Die Musiker hatten den Grundton der Mauer angeschlagen und genügend langgezogen gespielt, um sie zu Fall zu bringen.

   Wenn wir sagen, der zweite Himmel sei die Welt des To- nes, so ist damit nicht gemeint, daß es dort keine Farben gäbe. Viele Leute wissen, daß zwischen Ton und Farbe eine innige Verbindung besteht; daß gleichzeitig mit dem An- schlagen eines Tones eine gewisse Farbe erscheint.

   So ist es auch in der himmlischen Welt. Hier ist sowohl Farbe wie Klang gegenwärtig, der Ton ist jedoch der Schöpfer der Farbe. Darum sagten wir, hier sei hauptsächlich die Welt des Tones, und es ist dieser Ton, der alle Formen in der physischen Welt erbaut.

   Dem Musiker erklingen aus den verschiedenen Teilen der Natur bestimmte Töne; aus dem Wind, der im Walde weht, aus dem Brechen der Wogen am Strand, aus dem Brausen des Ozeans und dem Getöse des Wasserfalls.

   All diese Geräusche verbinden sich zu einem Ganzen, das der Grundton der Erde ist - ihr Ton. So wie sich geome- trische Sandfiguren auf einer Platte bilden, deren Rand man mit einem Violinbogen streicht, so sind die Formen, die wir um uns sehen, kristallisierte Klangfiguren der Urtypenkräfte, welche in die Urtypen der himmlischen Welt hineinspielen.

   Die Arbeit, die der Mensch in der himmlischen Welt lei- stet, ist vielseitig. Er führt dort kein untätiges, träumerisches oder eingebildetes Dasein. Dies ist für die Vorbereitung zum künftigen Leben die größte und wichtigste Tätigkeitsperiode, so wie der Schlaf eine tätige Vorbereitung für die Arbeit des folgenden Tages ist.

   Hier wird die Quintessenz der drei Körper in den dreifachen Geist eingebaut.

   Und zwar wird mit dem menschlichen Geist soviel vom Empfindungsleib vereint, wie es dem Menschen möglich

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war, durch die Reinigung seiner Wünsche und Gefühle zu veredeln, was ihm für die Zukunft einen verbesserten Intellekt gibt.

   Mit dem Lebensgeist wird soviel vom Lebensleib verschmolzen, wie der Lebensgeist von ihm entwickeln, verwandeln, vergeistigen und vor jenem Verfall bewahren konnte, dem der restliche Teil des Lebensleibes unterliegt, um für die zukünftigen Leben einen besseren Lebensleib und bessere Charakteranlagen zu schaffen.

   Und dem göttlichen Geist wird soviel vom dichten Körper einverleibt, wie er durch rechtes Handeln bewahren konnte, was ihm für zukünftige Inkarnationen eine bessere Umgebung und günstigere Gelegenheiten schafft.

   Diese Vergeistigung der Träger wird vollbracht durch die Pflege der Fähigkeiten der Beobachtung, der Unterscheidung und des Gedächtnisses, durch Hingabe an hohe Ideale, Gebete, Konzentration, Beharrlichkeit und den rechten Gebrauch der Lebenskräfte.

   Der zweite Himmel ist die wahre Heimat des Menschen, des Ego, des Denkers. Hier wohnt er jahrhundertelang, die Früchte des letzten Erdenlebens aufnehmend und bereitet die irdischen Bedingungen vor, die für seine nächste Stufe des Fortschrittes am besten geeignet sind. Der Klang oder Ton, der diese Region durchflutet und überall als Farbe in Erscheinung tritt, ist sozusagen sein Werkzeug. Es ist diese harmonische Klangschwingung, die als Lebenselixier in den dreifachen Geist die Quintessenz des dreifachen Körpers hineinbaut, von dem sein Wachstum abhängig ist.

   Das Leben im zweiten Himmel ist in verschiedener Beziehung außerordentlich tätig. Das Ego nimmt die Früchte des letzten Erdendaseins auf und bereitet die Umgebung für eine künftige physische Existenz vor. Es genügt nicht nur anzunehmen, daß die neuen Bedingungen durch Lebensführung und Taten im eben verflossenen Leben bestimmt werden. Die Früchte der Vergangenheit müssen in jene Welt hineingearbeitet werden, die der nächste Schauplatz der Tätigkeit des Geistes sein wird, während das Ego neue physische Erfahrungen und weitere Früchte sammelt.

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   Daher arbeiten alle Bürger der himmlischen Welt an den Modellen der Erde, die sich alle in der Region der konkreten Gedanken befinden. Sie verwandeln die physischen Züge der Erde und bringen jene allmählichen Veränderungen hervor, die ihr Aussehen verwandeln, so daß zur nächsten Wiederkehr auf die Erde eine umgemodelte Umgebung vorbereitet wird, wo nun neue Erfahrungen gesammelt werden können. Das Klima, die Flora und Fauna (Pflanzen und Tierwelt) werden vom Menschen unter Führung höherer Wesen - von denen später die Rede sein soll - geändert. So ist die Welt genau so, wie wir selbst sie - individuell und gemeinsam - gestaltet haben, und sie wird in Zukunft so sein, wie wir sie gestalten werden. Der okkulte Wissenschaftler sieht hinter jedem Ereignis eine Ursache geistiger Natur, die sich selbst manifestiert, und vergißt die Einflüsse und die beunruhigend zunehmende Häufigkeit der Erdbebenstörungen nicht, die er auf materialistisches Denken der modernen Wissenschaft zurückführt.

   Es ist richtig, daß rein physische Ursachen solche Störungen verursachen können. Ist das aber auch das letzte Wort darüber? Können wir stets durch bloße Aufzeichnungen die volle Erklärung für das erhalten, was auf der Erdoberfläche vor sich geht? Gewiß nicht! Wir beobachten, daß zwei Menschen auf der Straße sprechen und einer den andern plötzlich zu Boden schlägt. Ein Beobachter kann sagen, daß ein zorniger Gedanke die Ursache war. Ein anderer kann sich über diese Aussage lustig machen und erklären, daß er den aufgehobenen Arm, die zusammengezogenen Muskeln und den ausholenden, mit dem niedergeschlagenen Opfer in Verbindung kommenden, Arm sah. Auch das ist wahr. Es ist aber auch wahr, ja es ist sogar sicher, daß wenn nicht zuerst der zornige Gedanke gewesen wäre, kein Schlag hätte erfolgen können. Ebenso sagt der Okkultist, daß sich ohne den Materialismus keine Erdbeben ereignet hätten.

   Die Tätigkeit des Menschen in der himmlischen Welt beschränkt sich nicht ausschließlich auf die Umgestaltung der Erdoberfläche, obwohl sie die Stätte zukünftiger Kämpfe und die Unterwerfung der physischen Welt sein wird. Er ist ebenso eifrig bemüht zu lernen, sich einen Körper zu

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erbauen, der (für den Geist) ein immer besseres Ausdrucksmittel wird. Die Bestimmung der Menschen ist es, eine schöpferische Intelligenz zu werden, und er verbringt die Zeit im zweiten Himmel, um zu lernen. Während seines Lebens im Himmel lernt er alle Arten von Körpern, einschließlich des menschlichen, zu erbauen.

   Wir sprachen von den Kräften, die längs der positiven und negativen Pole der verschiedenen Ätherarten wirken. Der Mensch ist selbst ein Teil dieser Kräfte. Jene, die wir tot nennen, helfen uns zu leben. Diesen wird wiederum geholfen durch die sogenannten "Naturgeister", über die sie befehligen. Der Mensch wird bei seinen Arbeiten von Lehrern aus den höheren schöpferischen Hierarchien geleitet, die ihm auch halfen, sich seine Träger zu erbauen, ehe er Selbstbewußtsein erlangt hatte. Er baute damals so, wie er jetzt seine Körper im Schlaf wieder aufbaut. Während des himmlischen Lebens lehren sie ihn bewußt. Dem Maler wird gelehrt, ein genaues Auge zu bauen, das fähig ist, eine vollkommene Perspektive - Farbe und Schatten - so auf-zunehmen, wie niemand es vermag, der sich nicht für Farbe und Licht interessiert.

   Der Mathematiker hat es mit dem Raum zu tun. Die Fähigkeit der Raumwahrnehmung hängt mit der zarten Anpassung der drei, im Inneren des Ohres plazierten, halbkreisförmigen Kanäle zusammen, von denen ein jeder in eine der drei Dimensionen des Raumes weist. Logisches Denken und mathematische Fähigkeit stehen im Verhältnis zur Genauigkeit der Anordnung dieser halbkreisförmigen Kanäle. Auch die musikalische Befähigung beruht auf demselben Faktor. Aber außer der Notwendigkeit der feinen Anpassung der halbkreisförmigen Kanäle, bedarf der Musiker einer außerordentlichen Feinheit der "kortischen Fasern", wovon das menschliche Ohr ungefähr zehntausend hat. Jede kann wiederum ca. 25 Tonabstufungen interpretieren. In den Ohren der Mehrzahl der Menschen reagieren sie nur auf drei bis zehn der möglichen Abstufungen. Unter den Durchschnittsmusikern steigt die Zahl bis auf höchstens 15 Klänge für eine Fiber. Aber der Meister, der fähig ist, Musik aus der himmlischen Welt herunterzubringen und wiederzugeben,

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braucht eine höhere Empfindlichkeit, damit er die verschiedenen Noten unterscheiden und den kleinsten Mißklang der äußerst komplizierten Akkorde wahrnehmen kann. Auf Menschen, die Organe von so besonderer Zartheit zum Ausdruck für ihre Fähigkeiten brauchen, verwendet man besondere Sorgfalt, wie es die höhere Stufe ihrer Entwicklung verdient und erfordert. Kein anderer Künstler kommt an Rang dem Musiker gleich. Diese Erwägung ist verständlich, wenn wir in Betracht ziehen, daß der Maler seine Inspirationen hauptsächlich aus der Welt der Farbe - der näheren Empfindungswelt - schöpft, der Musiker sich aber bemüht, die Atmosphäre unserer himmlischen Heimatwelt (wo wir als Geister Bürger sind) herniederzubringen, und versucht, sie in die Klänge des Erdenlebens zu übertragen. Er hat die höchste Mission als Künstler, denn von den Ausdrucksarten des Seelenlebens steht die Musik an höchster Stelle.

   Daß die Musik anders und höher als die anderen Künste ist, geht auch daraus hervor, daß eine Statue oder ein Gemälde, einmal geschaffen, dauernden Bestand haben. Sie entstammen der Empfindungswelt und sind daher kristallisationsfähiger, während die Musik als Botschaft aus der himmlischen Welt flüchtiger ist und neu geschaffen werden muß, so oft wir sie hören. Man kann sie nicht einsperren, wie man aus den erfolglosen Versuchen besonders mit mechanischen Erfindungen wie Phonographen und Pianolas sehen kann (1909). Die so erzeugte Musik verliert viel von ihrem seelendurchdringenden Schmelz, den sie besitzt, nachdem sie gerade aus ihrer eigenen Welt kommt, der Seele die Erinnerung an ihre Heimat zurückbringt und zu ihr in einer Sprache spricht, der keine in Marmor oder auf der Leinwand ausgedrückte Schönheit gleichen kann.

   Das Instrument, durch das der Mensch die Musik erfaßt, ist das höchstvollkommene Sinnesorgan des menschlichen

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Körpers. Das Auge ist keineswegs verläßlich, aber das Ohr ist es in dem Sinn, daß es jeden Klang ohne Entstellung hört, während das Auge oft entstellt, was es sieht.

   Außer dem musikalischen Ohr muß der Musiker auch lernen, eine lange, feine Hand zu erbauen, die schlanke Finger und empfindliche Nerven hat, sonst könnte er die Melodien, die er hört, nicht wiedergeben.

   Es ist ein Naturgesetz, daß niemand einen tüchtigeren Körper bewohnen kann, als er zu erbauen fähig ist. Zuerst lernt er, Körper von einer gewissen Abstufung zu erbauen, und dann erst lernt er darin zu leben. Auf diese Weise lernt er dessen Fehler kennen und erhält die Lehren, wie sie zu verbessern sind.

   Alle Menschen arbeiten während des vorgeburtlichen Lebens so lange unbewußt an der Erbauung ihrer Körper, bis der Punkt erreicht ist, an dem die von ihnen aufbewahrte Quintessenz ihrer früheren Körper - die sie aufbewahrt haben - hineingebaut werden soll; dann arbeiten sie bewußt. Daraus ersieht man, daß der Mensch, je mehr er sich entwickelt und an seinen Trägern arbeitet, um so mehr die Fähigkeit gewinnt, für ein neues Leben zu bauen. Dadurch macht er seine Träger unsterblich.

   Der fortgeschrittene Schüler einer okkulten Schule beginnt manchmal bei seiner neuen Verkörperung für sich selbst zu bauen, sobald das Werk der ersten drei Wochen (das ausschließlich der Mutter gehört), vollendet ist. Wenn die Zeit des unbewußten Erbauens vorüber ist, hat der Mensch eine Gelegenheit, seine angeborene schöpferische Kraft zu üben und der wahrhaft ursprünglich schöpferische Vorgang -"Epigenesis" - beginnt.

   So sehen wir, daß der Mensch seine Träger in der himm-lischen Welt erbauen und sie in der physischen Welt gebrauchen lernt. Die Natur bereitet alle Phasen der Entwicklung in einer so bewundernswerten Weise und mit so vollendeter Weisheit vor, daß wir - je mehr wir lernen, tiefer und tiefer in ihre Geheimnisse einzudringen - immer mehr von unserer eigenen Bedeutungslosigkeit und von einer immer wachsenden Ehrfurcht vor Gott erfüllt werden, dessen sichtbares

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   Symbol die Natur ist. Je mehr wir von ihren Wundern erkennen, um so mehr gewinnen wir die Überzeugung, daß das Weltsystem kein riesiges Perpetuum mobile ist, wie gedankenlose Menschen uns dies einreden wollen. Genauso unlogisch wäre es, anzunehmen, daß eine in die Luft geworfene Schachtel voll loser Buchstaben sich bei ihrem Herabfallen zu einem schönen Gedicht ordnen werde. Je größer die Kompliziertheit des Planes ist, um so größer ist die Kraft des Arguments zugunsten der Theorie eines intelligenten göttlichen Urhebers.

Der dritte Himmel

   Wenn nun das Ego alle Früchte seines letzten Lebens aufgenommen hat und die Gestalt der Erde so verändert wurde, um ihm die nötige Umgebung für einen weiteren Schritt hin zur Vervollkommnung zu liefern; wenn weiters durch die Arbeit an den Körpern anderer gelernt wurde, sich selbst einen geeigneten Körper zu erbauen, durch den es möglich ist, sich in der physischen Welt zu auszudrücken; und endlich das Ego den Intellekt in der Essenz aufgelöst hat, welche an dem dreifachen Geist baut, dann steigt der unbekleidete, individuelle Geist in die höhere Region der Gedankenwelt, in den dritten Himmel, auf. Hier wird er durch die unaussprechliche Harmonie dieser höheren Welt zu seinem neuen Untertauchen in die Materie gestärkt.

   Nach einiger Zeit kommt das Verlangen nach neuen Erfahrungen und die Erwägung einer neuen Geburt. Diese läßt eine Serie von Bildern vor dem Geist entstehen: ein Panorama des neuen Lebens, das seiner wartet. Aber man beachte wohl - das Panorama enthält nur die Hauptereignisse. Was die Einzelheiten anbelangt, hat der Geist freien Willen. Es ist so, als wenn ein Mensch, der in eine fremde Stadt reisen soll, einen nur für bestimmte Zeit gültigen Fahrschein mit freier Wahl des Reiseweges hätte. Nachdem er gewählt und die Reise begonnen hat, ist es noch nicht bestimmt, ob er nicht während der Reise seinen Reiseweg verändern wird. Er kann sich innerhalb der zulässigen Zeit

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an so vielen Orten aufhalten, wie er will; er kann aber nicht zurück. So wird er mit fortschreitender Entfernung vom Ausgangsort durch seine vorausgegangene Wahl mehr und mehr beschränkt. Hat er eine Dampfbahn gewählt, die mit Kohlenstaub angeheizt wird, so kann er erwarten, beschmutzt und verrußt zu werden. Hätte er eine Eisenbahn gewählt, die mit Elektrizität betrieben wird, so wäre er reiner geblieben. Ebenso ist es im neuen Leben. Es kann ihm ein hartes Leben bestimmt sein; er hat aber freie Wahl, es reinlich oder in Schmutz watend zu durchleben. Auch andere Umstände des Lebens unterliegen der Bestimmung des Menschen, soweit sie innerhalb der Grenzen seiner vergangenen Entschlüsse und Taten stehen.

   Die Bilder im Panorama des zu erwartenden Lebens be-ginnen bei der Wiege und enden am Grab. Sie rollen in der entgegengesetzten Reihenfolge ab, wie das im Panorama nach dem Tod geschieht, welches vor dem Auge des Geistes unmittelbar nach seiner Befreiung vom dichten Körper vorüberzieht. Der Grund für diesen fundamentalen Unterschied der beiden Panoramen ist, daß das vorgeburtliche Panorama den Zweck hat, dem sich wiederverkörpernden Ego zu zeigen, wie bestimmte Ursachen oder Taten immer gewisse "Wirkungen" erzeugen.

   Beim Panorama nach dem Tod liegt der Fall umgekehrt. Es hat den Zweck zu zeigen, daß jedes Ereignis im verflossenen Leben die Wirkung einer weiter zurückliegenden Ursache war. Die Natur oder Gott tut nichts ohne logische Gründe, und je weiter wir suchen, um so offenbarer wird es sein, daß die Natur eine weise Mutter ist, die immer die besten Mittel anwendet, um zum Ziel zu gelangen.

   Man könnte vielleicht fragen, warum müssen wir wieder-geboren werden? Warum müssen wir in dieses begrenzte und elende Erdendasein zurückkehren? Warum können wir nicht in jenen höheren Reichen Erfahrungen sammeln, ohne zur Erde kommen zu müssen? Wir sind dieses traurigen, öden Erdenlebens müde!

   Solche Fragen beruhen auf verschiedenen Mißverständnissen. Vor allem müssen wir uns darüber klar werden und es tief in die Tafeln unseres Gedächtnisses einprägen, daß

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der Zweck des Lebens nicht Glück, sondern Erfahrung ist. Kummer und Schmerz sind unsere wohlwollendsten Lehrer, während die Freuden des Lebens nur flüchtig sind.

   Dies scheint eine düstere, strenge Lehre zu sein und das menschliche Herz schreit schon bei dem Gedanken leidenschaftlich auf, daß sie wahrscheinlich wahr ist. Dennoch ist es so, und wir werden bei näherer Prüfung finden, daß sie gar nicht eine so strenge Lehre ist.

   Betrachten wir die Segnungen des Schmerzes. Würden wir unsere Hand auf einen heißen Ofen legen, ohne Schmerz zu empfinden, so ließen wir sie wahrscheinlich so lange liegen, bis sie - und vielleicht sogar auch der Arm - verbrannt sind, ohne daß wir etwas davon wüßten, bis es zu spät ist, um sie zu retten. Der Schmerz, der aus der Berührung der Hand mit dem heißen Ofen hervorgeht, läßt uns die Hand zurückreißen, ehe ernstlicher Schaden erfolgt. Statt die Hand zu verlieren, kommen wir mit einer Blase davon, die schnell heilt. Das ist ein Beispiel aus der physischen Welt.

   Wir finden, daß dasselbe Prinzip auch in den moralischen und geistigen Welten seine Anwendung findet. Wenn wir der Moral Gewalt antun, dann werden uns Gewissensqualen Leiden bringen, die uns davon abhalten, die Tat zu wiederholen, und wenn wir die erste Lehre nicht beachten, wird uns die Natur immer härtere und härtere Erfahrungen schicken, bis schließlich unserem Gewissen die Tatsache aufgezwungen ist, daß "der Weg des Übertreters schwer" ist. Dies wird solange anhalten, bis wir endlich gezwungen sind, uns einer anderen Richtung zuzuwenden und einen Schritt vorwärts zu einem besseren Leben zu tun.

   Erfahrung ist "Kenntnis der Wirkungen, die den Taten folgen". Das ist - zusammen mit der Entwicklung des Willens - der Zweck des Lebens. Der "Wille" ist die Kraft, durch die wir die Resultate der Erfahrung anwenden. Wir müssen Erfahrungen gewinnen. Doch wir haben die Wahl, ob wir sie auf dem harten Weg der persönlichen Erfahrung oder durch die Beobachtung der Handlungen anderer, durch deren vernünftige Betrachtung und Überlegung, sowie im Lichte der Erfahrungen gewinnen wollen, die wir bereits gemacht haben.

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   Das ist die Methode, nach welcher der okkulte Schüler lernen sollte, anstatt nach den Schlägen von Unglück und Schmerz zu verlangen. Je williger wir sind, auf diese Weise zu lernen, um so weniger werden wir die stechenden Dornen des "Pfades der Leiden" fühlen und um so schneller werden wir auf "den Pfad des Friedens" gelangen.

   Die Wahl ist unser. Solange wir jedoch noch nicht alles gelernt haben, was wir in dieser Welt lernen können, müssen wir hierher zurückkommen. Wir können nicht in den höheren Welten bleiben und dort lernen, ehe wir nicht zuvor die Lehren des Erdenlebens bemeistern. Das wäre geradeso unvernünftig, wie wenn wir heute ein Kind in den Kindergarten und morgen an die Hochschule schicken wollten. Das Kind muß Tag für Tag in den Kindergarten zurückkehren und Jahre in der Volksschule und der Mittelschule verbringen, ehe seine Fähigkeiten zum Hochschulstudium genügend weit entwickelt sind.

   Auch der Mensch geht in die Schule, in die Schule der Erfahrung. Er muß oftmals wiederkommen, ehe er hoffen kann, alles Wissen der Sinnenwelt zu beherrschen. Kein Leben - und sei es noch so reich an Erfahrungen - kann alle Erkenntnisse umfassen, und so gebietet die Natur, daß er nach Pausen der Ruhe zur Erde wiederkehren und seine Arbeit an dem Punkt aufnehmen muß, an dem er sie fallen ließ, so wie das Kind seine Arbeit in der Schule am nächsten Tag wieder aufnimmt, nachdem es die dazwischenliegende Nacht durchschlafen hat.

   Gegen diese Theorie ist auch das kein Argument, daß der Mensch keine Erinnerung an seine vergangenen Leben hat. Wir können nicht einmal alle Ereignisse unseres gegenwärtigen Lebens zurückrufen. Wir erinnern uns nicht an die Bemühungen, die uns das Schreibenlernen kosteten, aber wir haben die Vertrautheit mit dieser Kunst erworben, ein Beweis, daß wir gelernt haben. Alle Fähigkeiten, die wir besitzen, sind ein Beweis dafür, daß wir sie irgendwann und irgendwo erworben haben. Manche Menschen erinnern sich ihrer vergangenen Leben, wie am Schluß des nächsten Kapitels gezeigt werden wird, und das ist nur ein Beispiel von vielen.

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   Wenn es keine Wiederkehr zur Erde gäbe, was wäre dann wohl der Zweck des Lebens? Warum sich um irgend etwas bemühen? Inwiefern wäre ein glückliches Leben im ewigen Himmel die Belohnung für ein gutes Leben hier? Welche Vorteile könnte man in einem Himmel, wo jedermann sowieso schon glücklich ist, von einem guten Leben haben? Sicher ist an einem Ort, wo jedermann glücklich und zufrieden ist, kein Platz für Mitgefühl, Selbstaufopferung oder weisen Rat. Keiner würde sie dort brauchen. Aber auf der Erde gibt es viele, die danach dürsten, und solche menschenfreundlichen und altruistischen Eigenschaften sind für die sich abmühende Menschheit von größtem Nutzen.

   Darum bringt das große Gesetz, das im Dienst des Guten arbeitet, den Menschen wieder zurück, um zum Segen für sich und andere zu arbeiten, ausgestattet mit seinen erworbenen Schätzen, mit Schätzen, die im Himmel brach lägen, weil keiner sie benötigt.

Vorbereitung zur Wiedergeburt

   Nachdem wir nun die Notwendigkeit wiederholter Verkörperungen gesehen haben, wollen wir zur Betrachtung der Methode übergehen, durch die diese Absicht ausgeführt wird.

   Vor dem Eintauchen in die Materie ist der dreifache Geist unverhüllt; er hat nur die Kräfte der vier Keimatome bei sich (welche die Kerne des dreifachen Körpers und die Hülle des Intellekts sind). Sein Niedersteigen gleicht dem Anziehen mehrerer Handschuhpaare von zunehmender Dicke, wie im früher erwähnten Beispiel. Die Kräfte des Intellekts des letzten Erdenlebens werden wieder aus ihrer Verborgenheit im Keimatom erweckt. Dieses beginnt, ähnlich einem Magneten, der Eisenspäne an sich zieht, aus der höchsten Unterabteilung der Region der konkreten Gedanken Materie an sich zu ziehen.

   Wenn wir nun einen Magneten über eine vermischte Menge Späne aus Messing, Silber, Eisen, Gold, Blei und anderen Metallen halten, so werden wir finden, daß er nur Eisenspäne an sich zieht und daß er selbst von diesen nicht

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mehr erfaßt, als seine Stärke es zuläßt. Seine Anziehungskraft ist von einer bestimmten Art und ist auf ein gewisses Maß innerhalb dieser Art beschränkt. Dasselbe gilt vom Keimatom. Es kann aus jeder Region nur das anziehen, wofür es Affinität hat, und auch hier nicht über ein bestimmtes Maß hinaus. So wird der Träger, der sich um diesen Kern herum bildet, ein genaues Ebenbild des entsprechenden Trägers des vergangenen Erdenlebens. Er ist vermindert um das Böse, das durch Reinigung entfernt wurde und vermehrt um die Quintessenz des Guten, die im Keimatom verkörpert wurde.

   Das Material, das von dem dreifachen Geist ausgewählt wurde, formt sich zu einer großen, glockenförmigen Gestalt, die an der Unterseite offen ist und am höchsten Punkt das Keimatom trägt. Wenn wir uns diese Erläuterung geistig vorstellen, dann können wir sie mit einer Taucherglocke vergleichen, die in ein Meer von einer zunehmend dichter werdenden Flüssigkeit hinabtaucht, das den verschiedenen Unterabteilungen der einzelnen Welten entspricht. Die Materie, die in die Struktur des glockenförmigen Körpers hineingefügt wird, macht ihn schwerer, so daß er in die nächst niedere Unterabteilung absinkt und dieser wieder den ihm angemessenen Anteil an Materie entnimmt. So wird er noch schwerer und sinkt weiter ab, bis er die vier Unterabteilungen der Region der konkreten Gedanken durchschritten hat und die Hülle für den neuen Intellekt des Menschen vollendet ist. Als nächstes werden nun die Kräfte im Keimatom des Empfindungsleibes erweckt. Es stellt sich inwendig an die Spitze der Glocke, und die Materie der siebten Region der Empfindungswelt zieht sich ringsherum zusammen, bis sie in die sechste Region absinkt und dort weitere Materie an sich zieht - und so fort - bis die erste Region der Empfindungswelt erreicht ist. Nun ist die Glocke von zwei Lagen umgeben: der Hülle des Intellekts außen und innen vom neuen Empfindungsleib.

   Das Keimatom des Lebensleibes wird nun als nächstes zur Tätigkeit erweckt. Hier ist aber der Vorgang nicht so einfach, wie beim Intellekt und dem Empfindungsleib. Der Leser erinnert sich daran, daß diese beiden Träger verhältnismäßig

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unorganisiert sind, während der Lebensleib und der dichte Körper mehr organisiert und sehr kompliziert sind.

   Die Materie von gegebener Quantität und Qualität wird in derselben Weise und unter Wirksamkeit desselben Gesetzes angezogen, wie im Fall der beiden höheren Körper, aber der Aufbau des neuen Körpers und seine Unterbringung in der richtigen Umgebung wird durch vier große Wesen von unermeßlicher Weisheit besorgt, den berichterstattenden Engeln - auch "Herren des Schicksals" genannt.

   Sie üben auf den rückstrahlenden Äther des Lebensleibes einen solchen Einfluß aus, daß sich in ihm die Bilder des kommenden Lebens widerspiegeln. Der Lebensleib wird von Bewohnern der himmlischen Welt und von den Elementargeistern in einer solchen Art erbaut, daß ein besonderer Gehirntypus entsteht.

   Aber man merke: das wiederkehrende Ego selbst einverleibt darin die Quintessenz seiner früheren Lebensleiber und schafft zusätzlich dazu auch ein bißchen Selbständiges. Dies geschieht, damit im kommenden Leben noch etwas Raum für selbständige und individuelle Äußerungen zur Verfügung steht, der nicht durch vergangene Taten vorbestimmt ist.

   Es ist sehr wichtig, sich an diese Tatsache zu erinnern. Sonst wäre die Neigung zu glauben, daß alles jetzt Bestehende das Resultat von etwas früher Bestehendem ist, zu groß. Wenn es wirklich so wäre, so verbliebe kein Raum für neue und ursprüngliche Bemühungen und Ursachen. Die Kette der Ursachen und Wirkungen ist keine eintönige Wiederholung. Stets findet ein Zufluß von neuen und ursprünglichen Ursachen statt. Das ist das eigentliche Rückgrat der Evolution, das einzige, was ihr Sinn verleiht und es zu etwas anderem als zum Aufrollen latenter Wirklichkeiten macht. Das ist "Epigenesis" - der freie Wille, der aus der Freiheit besteht, etwas vollständig Neues zu schaffen und nicht nur zwischen zwei Handlungsweisen zu wählen. Es ist dies der wichtige Faktor, der allein das System, dem wir angehören, befriedigend erklären kann. Involution und Evolution alleine sind hierzu unzureichend. Aber im Zusammenklang mit Epigenesis bilden sie den vollen Dreiklang der Erklärung.

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   Das Schicksal eines Individuums, das unter dem Gesetz der Ursache und Wirkung erzeugt wurde, ist von großer Komplexität. Es steht die ganze Zeit in einer sehr verflochtenen Verbindung zu den Egos, die sich innerhalb und außerhalb der physischen Existenz befinden. Selbst diejenigen, die zur gleichen Zeit leben, können nicht alle an dem selben Ort sein, so daß es für das Schicksal eines Individuums unmöglich ist, in einer Lebenszeit oder an einem Ort aufgearbeitet zu werden. Darum wird das Ego in eine gewisse Umgebung und Familie gebracht, mit der es bereits in irgendeiner Beziehung steht. Was das abzuarbeitende Schicksal anbelangt, so kann es unter Umständen gleichgültig sein, in welcher von mehreren Umgebungen sich das Ego wiederverkörpert. Bei einer Auswahl steht es ihm so weit wie möglich frei, selbst zu entscheiden. Hat es aber einmal gewählt, so wachen die Helfer der Herren des Schicksals unsichtbar darüber, daß keine Tat des freien Willens die Abarbeitung des gewählten Schicksalsanteiles zunichte macht.

   Wenn wir irgend etwas tun, um diese Pflicht zu umgehen, so werden sie Kräfte in Bewegung setzen, die uns zur Erfüllung des Schicksals zwingen. Wir können aber nicht oft genug wiederholen, daß dies den Menschen nicht hilflos macht. Es ist nur dasselbe Gesetz gleich jenem, das wirksam wird, wenn wir eine Pistole abfeuern. Wir können diese abgefeuerte Kugel nicht aufhalten oder sie auch nur auf irgend eine Weise von ihrer Bahn ablenken. Ihre Richtung wurde von der Stellung des Laufes im Augenblick des Abfeuerns bestimmt. Wir hätten diese Stellung jederzeit ändern können, ehe wir den Hahn abdrückten, da wir zu diesem Zeitpunkt noch volle Gewalt über diese Handlung hatten.

   Dies gilt ebenso für neue Handlungen, die zukünftiges Schicksal erschaffen. Wir können bis zu einem bestimmten Punkt gewissen, schon in Bewegung gesetzten Ursachen, entgegenwirken oder sie ändern, aber wenn sie einmal in Wirksamkeit sind und ihnen keine andere Tat entgegengestellt wird, so entschwinden sie unserer Kontrolle. Man nennt dies dann "reifes" Schicksal, und diese Art des Schick-

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sals ist gemeint wenn man sagt, die Herren des Schicksals unterdrücken jeden Versuch (des Betroffenen), sich davonzustehlen. Unserer Vergangenheit stehen wir in großem Maß hilflos gegenüber, aber zukünftige Handlungen haben wir völlig in der Gewalt, soweit wir nicht durch unsere vergangenen Handlungen gehindert werden. Doch nach und nach erfahren wir, daß wir selbst die Ursache unserer eigenen Freuden und Schmerzen sind.

   Diese Erfahrung erweckt uns zum Bewußtsein der Notwendigkeit, unser Leben mehr in Harmonie mit Gottes Gesetzen zu bringen und uns so über die Gesetze der physischen Welt zu erheben. Das ist der Schlüssel zur Befreiung, wie Goethe sagt:

  

    "Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
    Befreit der Mensch sich, der sich überwindet."

   Nachdem der Lebensleib durch die Herren des Schicksals gestaltet wurde, gibt er dem dichten Körper - Organ für Organ - seine Form. Dann wird die Matrize oder Gußform in den Schoß der künftigen Mutter versetzt. Das Keimatom des dichten Körpers befindet sich im dreieckigen Kopf einer der Spermatozoen im Samen des Vaters. Das allein macht die Befruchtung möglich, und hierin liegt die Erklärung für die Tatsache, daß geschlechtliche Verbindungen so oft unfruchtbar sind. Die chemischen Bestandteile der Samenflüssigkeit und des Eies sind zu allen Zeiten dieselben. Wenn dies die einzigen Faktoren beim Zustandekommen einer Befruchtung wären, könnte die Erklärung für das Problem der Unfruchtbarkeit - die meist in der materiellen, sichtbaren Welt gesucht wird - nicht gefunden werden.

   Es wird klar, wenn wir bedenken, daß die Wassermoleküle nur entlang der das Wasser durchdringenden Kraftlinien gefrieren und sich als Eiskristalle offenbaren, statt in eine homogene Masse zusammenzuschmelzen, wie dies geschähe, würden vor dem Gefrieren noch keine Kraftlinien vorhanden sein. Ebenso kann kein fester Körper gebaut werden, ehe ein Lebensleib vorhanden ist, in den die Bestandteile eingebaut werden können. Auch muß ein Keimatom für den festen Körper vorhanden sein, um als Maß für Qualität und

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Quantität der in den festen Körper einzubauenden Materie zu dienen. Obschon im gegenwärtigen Entwicklungsstadium keine volle Harmonie in den Bestandteilen des Körpers herrscht - die ja einen vollkommenen Körper bedeuten würde - darf doch der Mißklang nicht so stark sein, daß er den Organismus zerstört.

   Die Theorie der Vererbung ist vornehmlich nur wahr in bezug auf die Bestandteile des dichten Körpers. Die seelischen Eigenschaften sind vollständig individuell. Aber auch an seinem dichten Körper leistet das sich verkörpernde Ego einen Teil der Arbeit, indem es ihm die Quintessenz seiner vergangenen physischen Qualitäten einverleibt.

   Kein Körper ist eine genaue Mischung der Eigenschaften seiner Eltern, obwohl das Ego zur Entnahme seines Materials auf die Körper des Vaters und der Mutter beschränkt ist. Darum verkörpert sich der Musiker dort, wo er Material zum Aufbau der schlanken Hände und des zarten Ohrs mit seinen empfindlichen kortischen Fasern (Fibern) und der genauen Anordnung der drei halbkreisförmigen Kanäle findet. Aber die Anordnung dieses Materials liegt innerhalb der angegebenen Grenzen unter dem entscheidenden Einfluß des Ego. Es ist gerade so, als wenn man einem Zimmermann eine Anzahl Balken zur Erbauung seines Wohnhauses geben würde, es aber seiner Meinung überließe, was für ein Haus er daraus errichten will. Außer bei sehr hoch entwickelten Wesen ist diese Arbeit des Ego auf unserer jetzigen Entwicklungsstufe unerheblich. Der größte Spielraum ist für den Aufbau des Empfindungsleibes gegeben. Ein sehr kleiner für den des Lebensleibes und fast gar keiner für den des dichten Körpers. Dennoch genügt schon dieses Wenige, um jeden Menschen zum Ausdruck seines eigenen Geistes und verschieden von seinen Eltern zu machen.

   Nachdem die Befruchtung des Eies stattgefunden hat, arbeitet der mütterliche Empfindungsleib an ihn für die Dauer von achtzehn bis einundzwanzig Tagen. Während dieser Zeit bleibt das Ego in seinem Empfindungsleib und der Hülle seines Intellekts außerhalb, aber dennoch in inniger Berührung mit der Mutter. Nach Ablauf dieser Zeit tritt das Ego in den Körper der Mutter ein. Die glockenförmigen

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Träger senken sich über den Kopf des Lebensleibes nach unten, worauf sich die Glocke an ihrer Unterseite schließt. Von diesem Zeitpunkt an brütet das Ego über sein werdendes Instrument bis zur Geburt des Kindes, und das neue Erdenleben des wiederkehrenden Ego beginnt.

  

Die Geburt des dichten Körpers

   Die Träger des Neugeborenen treten nicht sogleich in Tätigkeit. Der dichte Körper ist noch lange Zeit nach der Geburt hilflos. Analog dazu können wir ersehen, daß das gleiche mit den höheren Trägern der Fall sein muß. Der okkulte Wissenschaftler sieht es, und die Vernunft beweist das auch ohne Hellsichtigkeit. Ebenso wie der dichte Körper unter der schützenden Hülle des Mutterleibes langsam für das getrennte persönliche Leben vorbereitet wird, so werden auch die anderen Körper nach und nach geboren und zur Tätigkeit erweckt. Obschon die in der folgenden Beschreibung angegebene Zeit nur eine annähernde ist, so ist sie immerhin für allgemeine Zwecke genau genug und zeigt die Verbindung zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos, dem Individuum und der Welt.

   In dem der Geburt unmittelbar nachfolgenden Zeitabschnitt, durchdringen die verschiedenen Träger einander, so wie in unserem früheren Beispiel der Sand den Schwamm, und das Wasser den Sand samt den Schwamm durchdringt. Aber obschon sie im Grunde alle wie beim Erwachsenen vorhanden sind, so sind sie eben nur latent vorhanden. Keine einzige ihrer positiven Fähigkeiten befindet sich in Tätigkeit. Der Lebensleib kann die Kräfte längs des positiven Pols der Ätherarten noch nicht benutzen. Die Stoffaufnahme, die durch den positiven Pol des chemischen Äthers vor sich geht, ist im Kindesalter noch sehr zart. Sie wird hauptsächlich durch den makrokosmischen Lebensleib bewirkt, dessen

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Äther solange für den Lebensleib des Kindes als Mutterleib wirken, bis es sein siebtes Lebensjahr erreicht hat. Während dieser Zeit bringen sie ihn nach und nach zur Reife. Die Fortpflanzungsfähigkeit, die längs des positiven Pols des Lebensäthers wirkt, ist ebenfalls latent. Die Erwärmung des Körpers (die durch den positiven Pol des Lichtäthers erfolgt) und den Blutkreislauf verdankt das Kind ebenfalls noch dem makrokosmischen Lebensleib. Die Äther wirken auf das Kind und entwickeln es allmählich dahingehend, diese Funktionen selbst zu beherrschen. Hingegen sind die Kräfte, die durch die negativen Pole der Äther wirken, um so tätiger. Die Ausscheidung der festen Stoffe, die entlang des negativen Pols des chemischen Äthers vor sich geht (und die der festen Unterabteilung der chemischen Region entspricht), ist sogar zu ungehemmt, ebenso die Absonderungen der Flüssigkeit, die entlang des negativen Pols des Lebensäthers vor sich gehen und der zweiten oder flüssigen Abteilung der chemischen Region entspricht. Auch die negativen Sinnes-wahrnehmungen - eine Folge der negativen Kräfte des Lichtäthers - sind äußerst auffällig. Das Kind ist sehr aufnahmefähig für Sinneseindrücke, es ist "ganz Auge und Ohr". Während der ersten Jahre sind auch die entlang des negativen Pols des rückstrahlenden Äthers wirkenden Kräfte sehr tätig. In diesen Jahren können Kinder die höheren Welten "sehen" und plappern über das Gesehene, bis das Gelächter der Älteren oder sogar eventuelle Strafen fürs "Märchenerzählen" sie lehren, besser zu schweigen.

   Es ist im höchsten Grad beklagenswert, daß die Kleinen gezwungen sind, zu lügen oder wenigstens die Wahrheit zu leugnen, weil die "weisen" Älteren ungläubig sind. Gerade die Arbeiten der Gesellschaft für psychische Forschung haben ergeben, daß Kinder oft unsichtbare Spielgefährten haben, die sie besuchen, bis sie einige Jahre alt sind. Während dieser Jahre trägt die Hellsichtigkeit der Kinder denselben negativen (passiven) Charakter wie die der Medien.

   Auch die dem Empfindungsleib zugeeigneten Kräfte entwikeln sich auf gleiche Weise. Das passive Gefühl der physischen Schmerzen ist vorhanden, während das Gefühl der Erregung fast ganz fehlt. Gewiß zeigt das Kind beim

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geringsten Anlaß Erregung, aber die Dauer dieser Erregung währt nur kurz; alles liegt an der Oberfläche.

   Das Kind besitzt auch das Bindeglied des Intellekts; es ist aber zu persönlicher Denktätigkeit fast unfähig und für Kräfte des negativen Pols außerordentlich empfänglich und daher nachahmungslustig und gelehrig.

   So sehen wir, daß im neugeborenen Wesen alle negativen (passiven) Eigenschaften tätig sind. Ehe es aber fähig wird, seine Träger zu gebrauchen, müssen die positiven (aktiven) Eigenschaften zur Reife kommen. Darum wird jeder Träger durch die Tätigkeit des entsprechenden makrokosmischen Trägers bis zu einem gewissen Grad der Reife erbaut. Diese Kräfte dienen ihm als Mutterleib, bis dieser Reifegrad erreicht ist (und der eigene Träger seine entsprechenden Aufgaben ohne zusätzliche Hilfe wahrnehmen kann).

   Vom 1. bis 7. Lebensjahr wächst und reift der Lebensleib langsam im Schoß des makrokosmischen Lebensleibes, und wegen dessen größerer Weisheit ist der Kindeskörper runder und wohlgeformter als im späteren Leben.

Die Geburt des Lebensleibes

   Während der makrokosmische Lebensleib das Wachstum des Kindeskörpers leitet, bewahrt er ihn vor späteren Gefahren, die ihm drohen, wenn der unkluge individuelle Lebensleib uneingeschränkt die Herrschaft hat. Das beginnt ungefähr mit dem siebten Jahr. Bis zum vierzehnten Jahr besteht dann die Gefahr des übermäßigen und gefährlichen Wachstums. Während dieser Zeit hat der makrokosmische Empfindungsleib die Aufgabe, dem individuellen Empfindungsleib als Mutterleib zu dienen.

   Wenn der Lebensleib beim menschlichen Körper - so wie bei den Pflanzen - uneingeschränkt freie Hand hätte, so wüchsen wir zu einer ungeheuren Größe. Es gab in ferner Vergangenheit eine Zeit, in welcher der Mensch wie eine Pflanze gebaut war und nur einen dichten Körper und einen Lebensleib hatte. Die Überlieferungen der Mythologie und der Volksmärchen - die über die ganze Welt verbreitet, von

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Riesen zu berichten wissen - sind vollkommen wahr, denn damals wurden die Menschen so groß wie die Bäume, und zwar aus demselben Grund wie oben angeführt.

Die Geburt des Empfindungsleibes

   Der Lebensleib der Pflanze baut Blatt für Blatt und entwi-kelt den Stamm höher und höher. Die Körper würden auf diese Weise unbegrenzt fortwachsen, wenn nicht der makrokosmische Empfindungsleib ab einem gewissen Punkt einschreiten und weiteres Wachstum verhindern würde. Die Kraft, die zum weiteren Wachstum nicht mehr nötig ist, wird nun zu anderen Zwecken verwendet. Sie muß die Blüte erbauen und den Samen entwickeln. Ebenso läßt der Lebensleib - wenn der dichte Körper des Menschen mit sieben Jahren unter seine Herrschaft kommt - ihn sehr schnell wachsen, aber um das vierzehnte Lebensjahr herum wird der Empfindungsleib aus dem Mutterleib des makrokosmischen Empfindungsleibes geboren und hat dann entscheidenden Einfluß, am dichten Körper zu arbeiten. Um diese Zeit hört das außerordentliche Wachstum auf, und die Kräfte, die dadurch frei werden, können für die Fortpflanzung verwendet werden, damit die menschliche Pflanze blühen und Früchte bringen kann. Darum leitet die Geburt des Empfindungsleibes die Periode der Pubertät ein. Von dieser Zeit an wird die Anziehung zum anderen Geschlecht gefühlt, die in der dritten Siebenerperiode des menschlichen Körpers besonders stark ist (vom 14. bis zum 21. Jahr), weil der zurückhaltende Intellekt noch nicht geboren wurde.

Die Geburt des Intellekts

   Nach dem 14. Jahr wird nunmehr der Intellekt vom ma- krokosmischen Intellekt bebrütet und genährt, damit er seine latenten Möglichkeiten entwickeln kann und befähigt wird, eigene Gedanken zu äußern. Die Kräfte der verschiedenen Träger des Individuums sind nunmehr bis zu einem solchen

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Reifegrad gelangt, daß es sie alle zu seiner Entwicklung gebrauchen kann. Daher kommt das Ego mit dem 21. Jahr in den vollen Besitz aller seiner Träger. Dies vollzieht sich mit Hilfe der Blutwärme und durch die Entwicklung des persönlichen Blutes, was in Verbindung mit der vollen Entwicklung des Lichtäthers vor sich geht.

Das Blut als Träger des Ego

   Während der Kindheit und bis zum 14. Jahr bilden die roten Markknochen nicht alle Blutkörperchen. Die meisten werden durch die Thymusdrüse abgegeben. Diese ist im Fötus am größten und nimmt, sowie sich die individuelle Fähigkeit der Blutbildung im heranwachsenden Kind entwikkelt, allmählich ab. Die Thymusdrüse enthält sozusagen einen Zuschuß von Blutkörperchen, welche die Eltern dem Kind mitgeben, und daher erkennt sich das Kind selbst nicht als Individualität an. Nicht eher, als das Kind sein Blut selbst bildet, denkt es von sich selbst als vom "Ich", und wenn mit dem 14. Lebensjahr die Thymusdrüse verschwindet, erreicht das "Ich"-Gefühl seinen vollen Ausdruck, denn von da an wird das Blut vom Ego allein gebildet und beherrscht. Dieser Gedanke und seine Logik soll im folgenden erklärt werden.

   Es wird noch erinnerlich sein, daß die Nahrungsaufnahme und das Wachstum von den Kräften abhängen, die längs des positiven Pols des im Lebensleib vorhandenen chemischen Äthers wirken. Dieser wird im siebten Jahr zugleich mit dem Rest des Lebensleibes freigegeben. Doch nur der chemische Äther ist um diese Zeit völlig gereift, die anderen bedürfen noch weiterer Ausreifung. Um das 14. Lebensjahr erreicht der Lebensäther, der mit der Fortpflanzung zusammenhängt, seine volle Reife. In der Zeit vom 7. bis zum 14. Lebensjahr hat die übermäßige Stoffaufnahme einen Kraftüberschuß aufgespeichert, der zu den Geschlechtsorganen geleitet wird und verfügbar ist, sobald der Empfindungsleib in Freiheit gesetzt wird.

   Diese geschlechtliche Kraft wird während der dritten siebenjährigen Periode im Blut aufgespeichert, und während

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dieser Zeit entwickelt sich der Lichtäther - welcher der Träger der Bluthitze ist - und beherrscht das Herz, so daß der Körper weder zu warm noch zu kalt ist. In der frühen Kindheit erreicht das Blut leicht eine Übertemperatur. Während der Zeit starken Wachstums ist oft das Umgekehrte der Fall. Bei der hitzköpfigen und ungezügelten Jugend jedoch treiben Leidenschaft und Temperament das Ego oft durch Überhitzung des Blutes hinaus. Das nennen wir dann folgerichtig ein Aufwallen oder Überschäumen des Temperaments. Die Folge davon ist, daß man "seinen Kopf verliert", das heißt, denkunfähig zu werden. Genau dasselbe geschieht, wenn Leidenschaft, Wut oder Überschäumen des Temperaments das Blut überhitzen und dadurch das Ego aus den Körpern hinaustreiben. Auch hier stimmt die Beschreibung, wenn wir von einem solchen Menschen sagen: "er hat die Kontrolle über sich verloren". Das Ego befindet sich außerhalb seiner Träger; diese gehen durch, da ihnen der führende Einfluß der Gedanken fehlt, deren Aufgabe es zum Teil ist, als Bremse der Impulse zu dienen.

   Die größte und folgenschwerste Gefahr solcher Ausbrüche ist, daß vor dem Wiedereintritt des Ego in seine Körper ein körperloses Wesen von diesen Besitz ergreifen und es aussperren kann. Dies nennt man dann "Besessenheit". Nur wer sich zurückhaltend verhält und sein Ego nicht durch Überhitzung austreiben läßt, kann richtig denken. Ein Beweis für die Behauptung, daß das Ego in einem Körper mit zu heißem oder zu kaltem Blut nicht arbeiten kann, ist die bekannte Tatsache, daß übergroße Hitze uns schläfrig macht, und wenn sie einen bestimmten Grad überschreitet, das Ego hinaustreibt und den Körper in Ohnmacht, das heißt bewußtlos, zurückläßt. Auch übermäßige Kälte hat das Bestreben, den Körper schläfrig oder bewußtlos zu machen. Nur wenn das Blut die normale Temperatur hat oder sehr wenig darunter oder darüber liegt, kann das Ego es als Bewußtseinsträger verwenden.

   Um noch eine weitere enge Verbindung des Ego aufzuzeigen, weisen wir auf das brennende Erröten der Scham hin, ein sprechendes Beispiel für die Art, in der das Blut zum Kopf getrieben wird, das Gehirn überhitzt und die Denkfä-

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higkeit lähmt. Furcht ist der Zustand, der im Ego das Bedürfnis erweckt, sich gegen die Gefahren der Außenwelt zu schützen. Es zieht dann das Blut nach dem Mittelpunkt des Körpers, und der Mensch wird bleich, weil das Blut die Oberfläche des Körpers verlassen und an Wärme verloren hat, wodurch wiederum die Gedankentätigkeit gelähmt wird. Sein Blut "gefriert", er schaudert und klappert mit den Zähnen, gerade wie wenn die Temperatur durch atmosphärische Erscheinungen herabgesetzt worden wäre. Im Fieber ruft ein Übermaß an Hitze Delirium hervor.

   Der vollblütige Mensch ist - vorausgesetzt, daß sein Blut nicht zu warm wird - körperlich und geistig rege, der blutarme hingegen müde. Die ersteren kann das Ego leichter führen, die letzteren weniger. Wenn das Ego denken will, so leitet es Blut zum Gehirn, welches den zweckmäßigen Wärmegrad hat. Wenn eine schwere Mahlzeit die Tätigkeit des Ego auf den Verdauungstrakt konzentriert, kann der Mensch nicht denken; er ist müde.

   Die alten Normannen und Schotten erkannten, daß das Ego sich im Blut befindet. Kein Fremder konnte mit ihnen als Verwandter verbunden werden, ehe er nicht sein Blut mit dem ihren vermischt hatte und damit einer der ihren geworden war. Auch Goethe, der ein Eingeweihter war, zeigte das in seinem "Faust". Faust ist eben dabei, seinen Vertrag mit Mephisto zu unterzeichnen und fragt: "Warum unterschreiben wir nicht mit gewöhnlicher Tinte? Warum muß es Blut sein?" Mephisto antwortet:

   "Blut ist ein ganz besondrer Saft."

   Er weiß, daß derjenige den Menschen besitzt, der sein Blut hat. Kein Ego kann sich ohne das warme Blut ausdrücken.

   Der nötige Wärmegrad für den wahren Ausdruck des Ego ist erst dann vorhanden, wenn der Intellekt aus dem makrokosmischen Intellekt geboren wurde. Diese Geburt findet etwa im 21. Lebensjahr statt. Auch das Gesetz erkennt dieses Alter als den frühesten Zeitpunkt an (1909 - USA), von dem an der Mensch das Wahlrecht ausüben kann.

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   Auf der gegenwärtigen Entwicklungsstufe geht der Mensch in jedem Lebenszyklus durch diese Hauptstadien, von einer Geburt zur anderen.

  

Diagramm B: Ein Lebenskreislauf


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