Der letzte 386er

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Achtung! Top Secret! Weitergabe, Haltung und Lesen dieses Dokumentes
sind als Hochverrat strafbar!! Nur fuer Angehoerige des Staatsschutzes!
Dieses Dokument bleibt 100 Jahre unter Verschluss. OJ.
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Ich bin der Letzte. Die anderen wurden bereits ins Irrenhaus abtransportiert. Bald werden SIE kommen, um mich zu holen. Dieses Dokument ist eine Flaschenpost an die Menschheit. Sie soll den Gerechten wachruetteln. Es begann an meinem Arbeitsplatz. Ich arbeitete damals in einem Rechenzentrum als Maschinenbediener. Jahrelang hatte ich dynamische Objekte der Betriebsmittelverwaltung hin- und her geschaufelt. Niemals hatte ich Anlass zur Beschwerde gegeben.

Eines Tages sassen meine Kollegen und ich in der Kantine und mampften. Da meinte Albert E. (Pseudonym, Name unter Verschluss, OJ) :" Ich gebe morgen eine Party. Du bist herzlich eingeladen." Da erwiderte ich:" Danke. Soll ich Bier mitbringen?". Eine ganz banale Frage. Aber heutzutage muss man ja hoellisch aufpassen, was man sagt, da es voellig anders aufgefasst werden kann. Albert E. antwortete:" Ja. So 200 Flaschen. Denn es kommen viele Leute. Aus ganz Europa. Und einige Japaner." Ich sagte verwundert: "Ich wusste gar nicht, dass Du so weitreichende
Beziehungen hast". Albert E. stutzte. Aber ich fuhr nichtsahnend fort und besiegelte damit mein Schicksal. "Also 200 Flaschen sind etwas arg teuer und schwer zu schleppen. Wie wäre es mit 20?"
Da rief Albert E. den Kollegen Franz O. (Pseudonym, OJ) :" He, hoere Dir das mal an!" "Was" , rief Franz O. "Noch nicht einmal das kann er!" Albert E. fauchte mich an: "Dann kommst Du nicht zur Party!". Ich protestierte: "Aber das ist ja gemein. Wie soll ich denn bitte schoen 200 Flaschen anschleppen und vor allem bezahlen?" Franz O. grinste bloed: " Oh, ich wuesste schon wie." "Ach.", erwiderte ich sauer.

Also es stellte sich heraus, dass die Party im Kueberspaze stattfinden sollte und die Biere natuerlich nur virtuell sein sollten. Nach einigem Hickhack erkundigte sich Albert E. gedehnt: "Was fuer ein Ding hast Du eigentlich?". Ich erinnerte mich dunkel, dass "Ding" Computer bedeutete. "Ich habe einen netten 386'er mit 2MB Speicher. Toll was?", troetete ich ahnungslos. Die anderen warfen einen langen und schweren Blick auf mich. "Immerhin mit einer 400 MB Festplatte", stotterte ich.
"So, So. Lass uns raten. Dos 6.02?", fragte Franz O. gehaessig. "Ja", antwortete ich stolz.
"Und Du hast tatsaechlich einen 386'er mit 2MB und 400 MB?", erkundigte sich Franz O.
"Ja", bestaetigte ich. Albert E. stellte sein Glas hin. "Wie viele Tage hat ein Jahr?" "Na, 365. Na, ja. 365.25", sagte ich, obwohl mir mulmig im Bauch war. Franz O. schob seine Idiotenvisage ganz dicht an mich heran. "Falsche Antwort. Das Jahr hat 386 Tage." Ich zeige ihm einen Vogel. "Du spinnst wohl!" In diesem Moment gesellte sich der Abteilungsleiter zu uns. "Franz hat recht. Seit der Kalenderreform durch Bill Gates hat das Jahr 386 Tage". Ich starrte die Drei lange an. "Ach. Seit wann denn?" Franz O. schob seine Idiotenvisage ganz dicht an mich heran. "Seit wann? Das spielt jetzt auch keine Rolle mehr!".Etwas war zerbrochen, und ich begriff noch nicht ganz, was. Am naechsten Tag glotzten mich alle Kollegen so komisch an. Franz O. fuhr mich wuetend an:" Gib doch zu, dass Du Dich fuer etwas Bessseres haeltst. Deinetwegen werden die Leute arbeitslos. Im Grunde bist Du technikfeindlich und asozial." Ich beschwerte mich beim Chef. Aber dort wurde ich ausgelacht, was die Kollegen anspornte, mich noch gemeiner zu behandeln. Jedesmal wenn ich mich wehrte, wurde ich roh unterbrochen. "Hast Du nun einen 386er mit 2 MB oder nicht?" Nur die Sekretaerin hielt noch zu mir. "Ich habe da eine aeltere Kiste. Fuer 5000 DM gehoert sie Dir". "Was fuer eine Kiste?", fragte ich. "Einen Computer?" Da schob sie ihre Brille ueber die Nase:" Du bist ja noch bloeder, als alle dachten". Da war ich bei ihr unten durch.

Einige Tage spaeter bestellte mich der Chef in sein neopostfuturistisches Buero. "Es geht mich eigentlich gar nichts an, aber mir sind da merkwuerdige Geruechte zu Ohren gekommen, so dass ich mich gezwungen sehe, Sie mal zu ueberpruefen. Ich habe versucht, Ihnen einen Brief nach Hause zu schicken, aber der Adresserver kennt Sie nicht." "Meine Adresse kennen Sie doch", konterte ich. "Kohlbeingasse 4a". "Wollen Sie mich verarschen", bruellte der Chef mich an. "Ihre Adresse!". "Na, Kohlbeingasse 4a", wiederholte ich schuechtern. Der Chef lief rot an. "Ihre richtige Adresse ,zum DOOM." "Na, Kohlbeingasse 4a", sagte ich. Da rief er die Sekretaerin. "Hoeren Sie sich dass mal an! Also Herr (*** geheim ***, OJ), erklaeren Sie mir mal, wie ich Ihnen einen Brief zuschicken soll!" Ich bemuehte mich, selbstbewusst aufzutreten. "Sie stecken Ihn in einen Umschlag aus Papier und werfen ihn in den Briefkasten". "So, so", grummelte der Chef. "Papier?" Er und die Sekretaerin warfen sich einen Blick zu. "Welches Jahr haben wir heute?" "2011", antwortete ich. "Und wieviele Tage hat ein Jahr?" "365 Tage". Der Chef stand ruckartig auf und schnappte nach Luft. "Es stimmt also. Wir hatten schon mal einen aus so'ner Sekte hier". "Welcher Sekte?", knurrte ich. "386er mit 2MB", erwiderte die Sekretaerin schnippschisch.

Auch der Anwalt, den ich wegen der Kuendigungsschutzklage aufsuchte, behandelte mich ekelig. "Also Herr (*** Geheim ***). Das Jahr hat 386 Tage. Und wir schreiben das Jahr 16 nach Windows95." Ich zuckte mit den Schultern. "Hab ich gar nicht mitgekriegt." Der Anwalt spielte mit der Holo-Pyramide. "Dreimal wollte ich Ihnen schreiben. Und jetzt erfahre ich, dass Sie nicht einmal den PUBNET- Anschluss haben. Suchen Sie sich einen anderen Idioten fuer den Prozess.! Ach uebrigens, was finden Sie eigentlich an einem 386er mit 2MB?". "Er funktioniert, ist ueberschaubar und ein Erbstueck.", antwortete ich. "Und das reicht Ihnen? Mein System schwaermt mir von der naechsten Version vor. In 256 Milliarden Farben. Ich habe gelernt, dass ich mich beeilen muss, um die neonfarbenen UXP's auszuprobieren, bevor sie veraltet sind. Irrsinnsstress. Aber so ist das Leben." Er warf mich heraus. Ueber blitzschnelle Kanaele war ich ploetzlich in der Anwaltszene verschrieen, so das ich einen ganz schlechten Anwalt bekam. Der Prozess war noch ekeliger. Der Richter zeigte auf einen voellig leeren Tisch. Er war wirklich total leer, der Tisch. "Wie viele Fische
schwimmen da im Aquarium?" Aber da war gar kein Aquarium. "Aber da ist gar kein Aquarium.", sagte ich. Der Richter lief rot an. "Ihr NEUROCOM funktioniert offenbar nicht." "Wie bitte?", stotterte ich. "Was ist denn ein NEUROCOM?". "Sagen Sie bloss, Sie sind nicht angeschlossen!", heulte der Richter. "Nein. An was denn?", murmelte ich. Natuerlich war ich meinen Job los. In der Urteilsbegruendung hiess es, ich erfuellte nicht einmal sozial-technische Minimalanforderungen. Ich sei dem Gemeinwesen gegenueber gleichgueltig und stoerte damit den Arbeitsfrieden.

So fiel ich Stufe und Stufe, bis ich in der Gosse landete. Jedes Bewerbungsgespraech verlief nach dem selben Schema. "Wie viele Fische schwimmen im Aquarium?" "Aber da ist doch kein Aquarium." "Raus!!!". Oder: "Sie haben Ihre Bewerbung auf Papier geschickt. Erklaeren Sie doch mal, wer Bill Gates war!". Wenn ich abend durchs die Gassen des Slums wanderte, folgten mir die Neon-Penner und schrien mir nach:" Siehst Du nicht das Aquarium? Neulich hat die Polizei einen abgefackelt. Der hatte noch einen Pentium. Aber ein 386er ....". Einige Wochen spaeter stolperte ich in die irische Kneipe "Elektric Guiness". Beinahe haette man mich nicht reingelassen, weil ich kein NEUROCOM hatte. Aber der Wachcomputer wurde gerade geupdated auf Windows 666. Da sprach mich Erich H. (***Pseudonym***, OJ) an. "Schon mal was von 386'er-Besitzern gehoert? Ich meine nicht die von vor 20 Jahren." Ich erfuhr, dass die meisten Leute eine eurokristalline, multidimensionale Datenmaschine mit Anschluss an letztlich alle VR's des Sonnensystems besassen. Sie bestaunten den naechsten Stand der Technik und freuten sich auf die naechste Version. Gespannt verfolgten sie, wie schnell die Zukunft veraltet war. Natuerlich floss dass virtuelle Bier in Stroemen, was ja jeder Idiot wusste, nur 386er-2 MB-Knalltueten nicht, die noch nicht einmal sozial-technische Minimalanforderungen erfuellten und daher noch
schlimmer als Idioten waren. Aber ein winziger Bruchteil von 386er-Leuten war aus dem Bill-Gates-System ausgestiegen oder erst gar nicht eingestiegen und sah sich Unverstaendnis bis hin zu blankem Hass gegenueber. Es hies, irgendwo gebe es eine Schwarze Datei, in der alle 386er gespeichert und weltweit ueber ein Hochgeschwindigkeitsnetz mit Quantenbethtechnologie
abrufbar seien. Erich H. betreute den hiesigen 386er-Kreis. Jetzt ham'se Erich H. abjeholt. Abjeholt. Spaeter erfuhr ich, dass se ihn wegen progressiver Asozialitaet entmuendigt hadden. Bald hol'se auch mich abb. Jedes Audo kann es seen. Jeder Schadden, der auf mich faellt, koenn'se seen. Jetzt habe ich an einem oeffentlichen Datenknoten diesen Bericht eingetippt und ihn an das Bundesverfassungsgericht und an die Bild-Zeitung geschickt.


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