|
Der letzte 386er
************************************************************************
Achtung! Top Secret! Weitergabe, Haltung und Lesen dieses Dokumentes
sind als Hochverrat strafbar!! Nur fuer Angehoerige des Staatsschutzes!
Dieses Dokument bleibt 100 Jahre unter Verschluss. OJ.
************************************************************************
Ich bin der Letzte.
Die anderen wurden bereits ins Irrenhaus abtransportiert. Bald werden SIE
kommen, um mich zu holen. Dieses Dokument ist eine Flaschenpost an die Menschheit.
Sie soll den Gerechten wachruetteln. Es begann an meinem Arbeitsplatz. Ich
arbeitete damals in einem Rechenzentrum als Maschinenbediener. Jahrelang hatte
ich dynamische Objekte der Betriebsmittelverwaltung hin- und her geschaufelt.
Niemals hatte ich Anlass zur Beschwerde gegeben.
Eines Tages sassen meine Kollegen
und ich in der Kantine und mampften. Da meinte Albert E. (Pseudonym, Name
unter Verschluss, OJ) :" Ich gebe morgen eine Party. Du bist herzlich
eingeladen." Da erwiderte ich:" Danke. Soll ich Bier mitbringen?".
Eine ganz banale Frage. Aber heutzutage muss man ja hoellisch aufpassen, was
man sagt, da es voellig anders aufgefasst werden kann. Albert E. antwortete:"
Ja. So 200 Flaschen. Denn es kommen viele Leute. Aus ganz Europa. Und einige
Japaner." Ich sagte verwundert: "Ich wusste gar nicht, dass Du so
weitreichende
Beziehungen hast". Albert E. stutzte. Aber ich fuhr nichtsahnend fort
und besiegelte damit mein Schicksal. "Also 200 Flaschen sind etwas arg
teuer und schwer zu schleppen. Wie wäre es mit 20?"
Da rief Albert E. den Kollegen Franz O. (Pseudonym, OJ) :" He, hoere
Dir das mal an!" "Was" , rief Franz O. "Noch nicht einmal
das kann er!" Albert E. fauchte mich an: "Dann kommst Du nicht zur
Party!". Ich protestierte: "Aber das ist ja gemein. Wie soll ich
denn bitte schoen 200 Flaschen anschleppen und vor allem bezahlen?" Franz
O. grinste bloed: " Oh, ich wuesste schon wie." "Ach.",
erwiderte ich sauer.
Also es stellte
sich heraus, dass die Party im Kueberspaze stattfinden sollte und die Biere
natuerlich nur virtuell sein sollten. Nach einigem Hickhack erkundigte sich
Albert E. gedehnt: "Was fuer ein Ding hast Du eigentlich?". Ich
erinnerte mich dunkel, dass "Ding" Computer bedeutete. "Ich
habe einen netten 386'er mit 2MB Speicher. Toll was?", troetete ich ahnungslos.
Die anderen warfen einen langen und schweren Blick auf mich. "Immerhin
mit einer 400 MB Festplatte", stotterte ich.
"So, So. Lass uns raten. Dos 6.02?", fragte Franz O. gehaessig.
"Ja", antwortete ich stolz.
"Und Du hast tatsaechlich einen 386'er mit 2MB und 400 MB?", erkundigte
sich Franz O.
"Ja", bestaetigte ich. Albert E. stellte sein Glas hin. "Wie
viele Tage hat ein Jahr?" "Na, 365. Na, ja. 365.25", sagte
ich, obwohl mir mulmig im Bauch war. Franz O. schob seine Idiotenvisage ganz
dicht an mich heran. "Falsche Antwort. Das Jahr hat 386 Tage." Ich
zeige ihm einen Vogel. "Du spinnst wohl!" In diesem Moment gesellte
sich der Abteilungsleiter zu uns. "Franz hat recht. Seit der Kalenderreform
durch Bill Gates hat das Jahr 386 Tage". Ich starrte die Drei lange an.
"Ach. Seit wann denn?" Franz O. schob seine Idiotenvisage ganz dicht
an mich heran. "Seit wann? Das spielt jetzt auch keine Rolle mehr!".Etwas
war zerbrochen, und ich begriff noch nicht ganz, was. Am naechsten Tag glotzten
mich alle Kollegen so komisch an. Franz O. fuhr mich wuetend an:" Gib
doch zu, dass Du Dich fuer etwas Bessseres haeltst. Deinetwegen werden die
Leute arbeitslos. Im Grunde bist Du technikfeindlich und asozial." Ich
beschwerte mich beim Chef. Aber dort wurde ich ausgelacht, was die Kollegen
anspornte, mich noch gemeiner zu behandeln. Jedesmal wenn ich mich wehrte,
wurde ich roh unterbrochen. "Hast Du nun einen 386er mit 2 MB oder nicht?"
Nur die Sekretaerin hielt noch zu mir. "Ich habe da eine aeltere Kiste.
Fuer 5000 DM gehoert sie Dir". "Was fuer eine Kiste?", fragte
ich. "Einen Computer?" Da schob sie ihre Brille ueber die Nase:"
Du bist ja noch bloeder, als alle dachten". Da war ich bei ihr unten
durch.
Einige Tage spaeter bestellte
mich der Chef in sein neopostfuturistisches Buero. "Es geht mich eigentlich
gar nichts an, aber mir sind da merkwuerdige Geruechte zu Ohren gekommen,
so dass ich mich gezwungen sehe, Sie mal zu ueberpruefen. Ich habe versucht,
Ihnen einen Brief nach Hause zu schicken, aber der Adresserver kennt Sie nicht."
"Meine Adresse kennen Sie doch", konterte ich. "Kohlbeingasse
4a". "Wollen Sie mich verarschen", bruellte der Chef mich an.
"Ihre Adresse!". "Na, Kohlbeingasse 4a", wiederholte ich
schuechtern. Der Chef lief rot an. "Ihre richtige Adresse ,zum DOOM."
"Na, Kohlbeingasse 4a", sagte ich. Da rief er die Sekretaerin. "Hoeren
Sie sich dass mal an! Also Herr (*** geheim ***, OJ), erklaeren Sie mir mal,
wie ich Ihnen einen Brief zuschicken soll!" Ich bemuehte mich, selbstbewusst
aufzutreten. "Sie stecken Ihn in einen Umschlag aus Papier und werfen
ihn in den Briefkasten". "So, so", grummelte der Chef. "Papier?"
Er und die Sekretaerin warfen sich einen Blick zu. "Welches Jahr haben
wir heute?" "2011", antwortete ich. "Und wieviele Tage
hat ein Jahr?" "365 Tage". Der Chef stand ruckartig auf und
schnappte nach Luft. "Es stimmt also. Wir hatten schon mal einen aus
so'ner Sekte hier". "Welcher Sekte?", knurrte ich. "386er
mit 2MB", erwiderte die Sekretaerin schnippschisch.
Auch der Anwalt, den ich wegen
der Kuendigungsschutzklage aufsuchte, behandelte mich ekelig. "Also Herr
(*** Geheim ***). Das Jahr hat 386 Tage. Und wir schreiben das Jahr 16 nach
Windows95." Ich zuckte mit den Schultern. "Hab ich gar nicht mitgekriegt."
Der Anwalt spielte mit der Holo-Pyramide. "Dreimal wollte ich Ihnen schreiben.
Und jetzt erfahre ich, dass Sie nicht einmal den PUBNET- Anschluss haben.
Suchen Sie sich einen anderen Idioten fuer den Prozess.! Ach uebrigens, was
finden Sie eigentlich an einem 386er mit 2MB?". "Er funktioniert,
ist ueberschaubar und ein Erbstueck.", antwortete ich. "Und das
reicht Ihnen? Mein System schwaermt mir von der naechsten Version vor. In
256 Milliarden Farben. Ich habe gelernt, dass ich mich beeilen muss, um die
neonfarbenen UXP's auszuprobieren, bevor sie veraltet sind. Irrsinnsstress.
Aber so ist das Leben." Er warf mich heraus. Ueber blitzschnelle Kanaele
war ich ploetzlich in der Anwaltszene verschrieen, so das ich einen ganz schlechten
Anwalt bekam. Der Prozess war noch ekeliger. Der Richter zeigte auf einen
voellig leeren Tisch. Er war wirklich total leer, der Tisch. "Wie viele
Fische
schwimmen da im Aquarium?" Aber da war gar kein Aquarium. "Aber
da ist gar kein Aquarium.", sagte ich. Der Richter lief rot an. "Ihr
NEUROCOM funktioniert offenbar nicht." "Wie bitte?", stotterte
ich. "Was ist denn ein NEUROCOM?". "Sagen Sie bloss, Sie sind
nicht angeschlossen!", heulte der Richter. "Nein. An was denn?",
murmelte ich. Natuerlich war ich meinen Job los. In der Urteilsbegruendung
hiess es, ich erfuellte nicht einmal sozial-technische Minimalanforderungen.
Ich sei dem Gemeinwesen gegenueber gleichgueltig und stoerte damit den Arbeitsfrieden.
So fiel ich Stufe und Stufe,
bis ich in der Gosse landete. Jedes Bewerbungsgespraech verlief nach dem selben
Schema. "Wie viele Fische schwimmen im Aquarium?" "Aber da
ist doch kein Aquarium." "Raus!!!". Oder: "Sie haben Ihre
Bewerbung auf Papier geschickt. Erklaeren Sie doch mal, wer Bill Gates war!".
Wenn ich abend durchs die Gassen des Slums wanderte, folgten mir die Neon-Penner
und schrien mir nach:" Siehst Du nicht das Aquarium? Neulich hat die
Polizei einen abgefackelt. Der hatte noch einen Pentium. Aber ein 386er ....".
Einige Wochen spaeter stolperte ich in die irische Kneipe "Elektric Guiness".
Beinahe haette man mich nicht reingelassen, weil ich kein NEUROCOM hatte.
Aber der Wachcomputer wurde gerade geupdated auf Windows 666. Da sprach mich
Erich H. (***Pseudonym***, OJ) an. "Schon mal was von 386'er-Besitzern
gehoert? Ich meine nicht die von vor 20 Jahren." Ich erfuhr, dass die
meisten Leute eine eurokristalline, multidimensionale Datenmaschine mit Anschluss
an letztlich alle VR's des Sonnensystems besassen. Sie bestaunten den naechsten
Stand der Technik und freuten sich auf die naechste Version. Gespannt verfolgten
sie, wie schnell die Zukunft veraltet war. Natuerlich floss dass virtuelle
Bier in Stroemen, was ja jeder Idiot wusste, nur 386er-2 MB-Knalltueten nicht,
die noch nicht einmal sozial-technische Minimalanforderungen erfuellten und
daher noch
schlimmer als Idioten waren. Aber ein winziger Bruchteil von 386er-Leuten
war aus dem Bill-Gates-System ausgestiegen oder erst gar nicht eingestiegen
und sah sich Unverstaendnis bis hin zu blankem Hass gegenueber. Es hies, irgendwo
gebe es eine Schwarze Datei, in der alle 386er gespeichert und weltweit ueber
ein Hochgeschwindigkeitsnetz mit Quantenbethtechnologie
abrufbar seien. Erich H. betreute den hiesigen 386er-Kreis. Jetzt ham'se Erich
H. abjeholt. Abjeholt. Spaeter erfuhr ich, dass se ihn wegen progressiver
Asozialitaet entmuendigt hadden. Bald hol'se auch mich abb. Jedes Audo kann
es seen. Jeder Schadden, der auf mich faellt, koenn'se seen. Jetzt habe ich
an einem oeffentlichen Datenknoten diesen Bericht eingetippt und ihn an das
Bundesverfassungsgericht und an die Bild-Zeitung geschickt.

|